Wichorze (Wichorsee) und die Familie von Loga

Es ist zu spät. Wo es noch vor wenigen Jahren die Möglichkeit gab, ein wertvolles Bauwerk vor dem Verfall zu bewahren, findet man heute nur noch Trümmer. Die Rede ist vom Gutshaus in Wichorze, zu preußischer Zeit Wichorsee genannt, einer kleinen, rund 10 km südöstlich von Culm gelegenen, Ortschaft.




Erinnerungen älterer Einwohner und Informationen über vergangene Tage hat Sławomir Waszkiewicz in seinem Artikel In Wichorsee stand ein schönes Herrenhaus (W Wichorzu był piękny pałac) in der Wochenzeitung Czas Chełmna (Ausgabe vom 19. September 2008) zusammengetragen.

Seit dem späten 18. Jahrhundert gehörte das Gut Wichorsee der Familie von Loga. Die Wikipedia erwähnt drei Besitzer, nämlich den preußischen Landrat Hermann von Loga (1816-1891), seinen 1859 in Wichorsee geborenen und 1911 dort verstorbenen Sohn Hermann jun., Mitglied des Preußischen Herrenhauses, sowie den ältesten Enkel Hans-Heinrich (geb. 1891).

Das Dorf zeichnete sich vor dem Zweiten Weltkrieg durch Wohlstand aus. Der Gutshof mit der Brennerei und dem landwirtschaftlichen Betrieb prosperierte. Im nahe gelegenen Ort Wielkie Czyste erledigten Graf und Gräfin von Loga Einkäufe. Die Zeitzeugin Marianna Szałach beschreibt Hans-Heinrich von Loga als hoch gewachsenen und elegant gekleideten Mann. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ging sie mit von Logas Tochter Heidi, eines von fünf Kindern des Gutsbesitzers, in dieselbe Klasse. Danach musste sie bei einem deutschen Landwirt arbeiten, der einen Hof ermordeter Polen übernommen hatte.

Trotz der für die polnische Bevölkerung katastrophalen Verhältnisse und ständigen Gefahren während der deutschen Besatzung hat die im Ort ansässige Bevölkerung die Familie von Loga in guter Erinnerung behalten. Sie unterhielt nämlich einen normalen Kontakt mit den Einwohnern, machte Geburtstagsschenke und nahm an Beerdigungen polnischer Bürger teil. Bis heute erzählt man sich, dass sich der Gutsbesitzer schützend vor seine polnischen Angestellten gestellt habe, als diese kurz vor Kriegsende als Zwangsarbeiter verpflichtet und von der Polizei fortgeschafft werden sollten. Deshalb soll es der Familie von Loga von den NS-Behörden nicht gestattet worden sein, ihr bewegliches Vermögen und sich selber rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Erst im letzten Augenblick konnten sie sich auf den Weg nach Westen machen. Der letzte Gutherr von Wichorsee soll während der Flucht vor der Roten Armee zunächst seine gesamte Familie erschossen und sich dann selbst getötet haben, um nicht den Sowjets in die Hände zu fallen.

In der Wikipedia heißt es dazu:

Hans-Heinrich von Loga kam gemeinsam mit seiner Mutter, seiner Ehefrau und seinen eigenen Kindern beim Einmarsch der Russen in Wendfeld um. Nur Tochter Maria von Loga (1898-1946) überlebte ihre Familie, starb aber schon 1946 im 48. Lebensjahr.

Leider gibt es keinen eindeutigen Hinweis auf den Todesort der Familie. Wendfeld heißt nämlich sowohl ein Ortsteil der Gemeinde Sanitz im Landkreis Bad Doberan im nördlichen Mecklenburg-Vorpommern als auch ein Ortsteil der Gemeinde Blumenholz im südlichen Mecklenburg-Vorpommern.

1945 wurde das Gut Wichorze verstaatlicht. Im Herrenhaus wurden eine Schule und ein Kindergarten eingerichtet. Ferner diente es der Leitung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (PGR) als Sitz und verschiedenen anderen Zwecken.

Vor vier Jahren wurden die letzten Bewohner des Gebäudes wegen seines baufälligen Zustands verpflichtet, ihre Wohnungen zu räumen. Zu diesem Zeitpunkt soll eine Sanierung noch möglich gewesen sein. Der damalige Eigentümer, das sich mit Landwirtschaft befassende Unternehmen Zegart-Farms, wollte drei Millionen Zloty in die Rettung des Herrenhauses stecken, dabei aber ein Nebengebäude abreißen. Diesen Plänen schob die Denkmalschutzbehörde der Woiwodschaft einen Riegel vor, die nur einer Sanierung des gesamten Gebäudekomplexes zustimmen wollte. Das wiederum missfiel der Firma Zegart-Farms, die schließlich auf ihr Eigentum am 8 ha großen Grundstück verzichtete, so dass dieses der Gemeinde Stolno zufiel.

Der Gemeindevorsteher sah sich in der Folgezeit nicht in der Lage, für eine effektive Bewachung des Herrenhauses zu sorgen. Obwohl er einen fünfstelligen Zlotybetrag für Sicherungsmaßnahmen ausgegeben hat, gelang es Dieben immer wieder, das Gebäude zu plündern. Selbst Dachsparren und Ziegelsteine wurden entwendet, so dass der Verfall des Hauses durch derartige Straftaten noch beschleunigt wurde. Der Park mit seinem alten Baumbestand und einem kleinen See ist verwildert. Der Friedhof, auf dem Mitglieder der Familie von Loga und ihre Bediensteten bestattet wurden, ist durch die Entwendung der Grabplatten kaum mehr als solcher zu erkennen.

Heute bedarf es eines Wiederaufbaus, um die Gebäude zu erhalten. Die notwendigen Ausgaben für einen Neubau liegen sicherlich höher als die noch vor vier Jahren für die Sanierung geschätzten Kosten. Die Gemeinde Stolno hat kein Geld und will sich des unliebsamen Grundstücks entledigen. Sie will daher noch in diesem Jahr das Gelände mit den Ruinen im Rahmen einer Ausschreibung für rund 100.000 Zloty veräußern, ohne weitere Bedingungen zu stellen. In den Sternen steht, ob sich ein finanzkräftiger und geschichtsbewusster Erwerber finden wird, der sich des Wiederaufbaus annehmen wird.

Es stimmt traurig, dass zunächst eine staatliche Institution offensichtlich übertriebene Anforderungen im Namen des Denkmalschutzes gegenüber dem Eigentümer geltend macht und danach die nächste, unfreiwillig zum Eigentümer geworden, eine ganze Armee von Wachleuten beschäftigen müsste, um eine Ruine zu bewachen.

Bildquelle: Wikipedia (Margoz)

Nachtrag vom 2. März 2009:

Liebe Leser,

bitte beachten Sie den interessanten Hinweis, den Herr Jobst von Sieg, ein Nachfahre der Familie von Loga, mir freundlicherweise gestern als Kommentar übermittelt hat. Herzlichen Dank, Herr von Sieg!

Ich werde mich bemühen, das Thema weiter zu verfolgen. Die Herrenhaus-Ruine in Wichorze ist im Dezember von der Gemeinde Stolno einem Unternehmer aus Südpolen verkauft worden.

Andreas Prause


1 Kommentar

  1. Jobst von Sieg
    geschrieben am 1. März 2009 um 13:15 Uhr | Permalink

    Als Urenkel von Adelheid Sieg, geb. von Loga habe ich mich einerseits über den Artikel von Wichorze sehr gefreut , andrerseits ist man natürlich traurig, dass Gebäude, für die keine Nutzung gefunden wird , allmählich zu Ruinen werden. Vergleichbares gibt es auch in Deutschland in jeder Menge.
    Folgendes möchte ich noch anmerken : Die Logas waren keine Grafen.
    Hans-Hermann von Loga und seine Familie sind in Wendfeld , Ortsteil der
    Gemeinde Sanitz, Kreis Bad Doberan , ums Leben gekommen. Aus Wendfeld stammte die Familie seiner Frau Marga, geb. Münster-Schultz.
    Meine Familie war von 1838 mit einer kurzen Unterbrechung bis 1919 auf
    Raczyniewo, heute Raciniewo bei Unislaw. ansässig. Letzter Sieg auf Raciniewo war Julius, ein Bruder meines Großvaters. Mein Großvater Max wurde 1901 in den erblichen preußischen Adelsstand erhoben.
    Falls noch weitere Fragen bezgl. Wichorze bestehen, wenden Sie sich gerne an mich, ich kann sie dann ggfls. selbst beantworten oder an Verwandte, die einen näheren Bezug zu Wichorze haben, weitergeben .
    Mit freundlichen Grüßen Jobst von Sieg

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