Das alte Bahnhofsgebäude an der ul. Dworcowa kann man kaum als Schmuckstück bezeichnen. Es teilt das Schicksal vieler Bahngebäude im ganzen Land, die heruntergekommen sind und immer mehr zu verfallen drohen. Neben der Kasse des Busbahnhofs, der heute unübersehbar das Bild vor dem Gebäude prägt, sind derzeit im Bahnhof unter anderem ein Fliesengeschäft und ein Möbelladen untergebracht. Das sich östlich des Gebäudes erstreckende Gelände, das sich an der ul. Dworcowa entlang zieht und auf dem sich früher Gleisanlagen befanden, wartet auf eine bessere Zukunft. Die Stadt hat in letzter Zeit mehrere Male vergeblich versucht, dieses alte Bahngelände zu veräußern, wobei angestrebt wird, einen neuen Busbahnhof auf einem Teil dieser schon seit vielen Jahren brachliegenden Fläche zu schaffen.

Das Bahnhofsgebäude in Culm bestand anfänglich aus Holz. Erst 1905 wurde ein gemauerter Bahnhof mit Restaurant und Räumen für den Bahnbetrieb geschaffen. Auf der Reproduktion einer Ansichtskarte aus dem frühen 20. Jahrhundert erkennt man sein ursprüngliches Aussehen. Im Vergleich mit dem aktuellen Foto sieht man, dass er irgendwann später grundlegend umgebaut worden ist. Ein aus preußischer Zeit stammendes Foto zeigt den Warteraum der I. und II. Klasse, der in Form einer Bahnhofswirtschaft von Ernst Corell betrieben wurde.

Die Bahnstrecke nach Culm diente in den ersten Jahren vornehmlich militärischen Zwecken. Erst später wurden Personenzüge eingesetzt. Da bei Culm keine Weichselbrücke gebaut wurde, die eine Anbindung an die bereits 1852 in Betrieb genommene Hauptstrecke Bromberg/Bydgoszcz – Dirschau/Tczew – Danzig/Gdańsk ermöglicht hätte, konnte der örtliche Kopfbahnhof nie größere Bedeutung erlangen. Die erste Culmer Schienenstrecke, die von den Preußischen Staatseisenbahnen geschaffen wurde, war 17,0 km lang und führte in südöstliche Richtung nach Kornatowo. Sie wurde am 15. August 1883 in Betrieb genommen. Die Station Kornatowo (westlich von Lisewo) lag an der sogenannten Weichselstädtebahn Marienburg/Malbork – Marienwerder/Kwidzyn - Graudenz/Grudziądz - Culmsee/Chełmża - Thorn/Toruń.
Am 25. Oktober 1893 wurde die Strecke Fordon – Unisław - Culmsee/Chełmża fertig gestellt. Bei Fordon, heute ein Stadtteil von Bromberg/Bydgoszcz, wurde eine 1325 m lange Brücke über die Weichsel gebaut, die damals als größte Eisenbahnbrücke im Deutschen Reich galt. Um eine Verbindung zwischen Bromberg bis nach Culm zu schaffen, begann man, Schienen von Unisław in Richtung Culm zu verlegen. Am 2. September 1901 nahmen die Preußisch-Hessischen Staatseisenbahnen den 13,0 km langen Abschnitt zwischen Unisław und Althausen/Starogród in Betrieb und im folgenden Sommer, nämlich am 20. Juli 1902, war dann auch die 6,4 km lange Strecke zwischen Althausen und Culm fertig.
Ab 1910 wurde an einer schnelleren Zugverbindung zwischen Thorn und Culm gearbeitet. Vom Bahnhof Thorn Nord aus wurde zunächst am 5. Oktober 1910 ein 6,1 km langer Abschnitt bis zur Station Waldmeisterkrug eröffnet. Diese Verbindung wurde in Richtung Unisław weitergeführt. Diese 22 Gleiskilometer waren am 1. Juli 1912 fertig gestellt.
1969 wurde der Bahnverkehr zwischen Culm/Chełmno und Unisław eingestellt, später ebenfalls die Strecke nach Kornatowo stillgelegt. Die Gleise sind im Culmer Stadtgebiet vollständig abgebaut, so dass nur noch das alte Bahnhofsgebäude und ein weiteres kleineres Gebäude an der ul. Łunawska an den einstigen Bahnverkehr erinnern. Darüber hinaus stehen zwischen der ul. Brzozowa und der Motocrossbahn im Südosten der Stadt noch die Pfeiler einer alten Brücke, auf der das Gleis in Richtung Unisław über ein Tal führte.
- Chełmno auf alten Postkarten, herausgegeben vom Muzeum Ziemi Chełmińskiej, Chełmno 2000 (u.a. Repros der Bilder des ursprünglichen Zustands des Bahnhofs sowie der Bahnhofswirtschaft)
- Hans-Wolfgang Scharf, Eisenbahnen in Westpreußen. Geschichtliche Entwicklung der Privat- und Staatsbahnen bis 1920, in: Westpreußen-Jahrbuch, Band 34, Münster 1984, S. 55-82
- Eugenia Kwiatkowska, Chełmno w Polsce Ludowej (1945 – 1984), in: Marian Biskup (Red.), Dzieje Chełmna, Warszawa-Poznań-Toruń 1987, S. 375
Quellen: